Stephanie Beßner hatte eigentlich keinen Bezug zu China. Trotzdem wollte sie immer einmal in das ferne Land reisen und die Sprache lernen. Dieses Jahr hat sich die Heidenheimerin ihren Traum erfüllt. Zusammen mit ihrem Partner reiste sie nach China. Was sie dort alles erlebt hat und wie es ihr mit ihrer MS ergangen ist, erzählt sie im Interview.

Stephanie, warum wolltest Du unbedingt nach China fliegen?

Seit den 80er Jahren begeistere ich mich für chinesische Schriftzeichen. Seitdem wollte ich die Sprache lernen und einmal nach China reisen. Da ich alleinerziehende Mutter bin, war mir das lange Zeit nicht möglich. 2014 habe ich mich schließlich für einen Sprachkurs angemeldet. Seitdem lerne ich Chinesisch. Vor zwei Jahren lernte ich dann auch noch meinen heutigen Partner kennen. Er stammt ursprünglich aus China und wollte mir einmal seine Familie vorstellen. So sind wir dieses Jahr gemeinsam dorthin gereist. 

Wie hast Du Dich auf die Reise vorbereitet?

Ich war schon auf vielen Reisen, zum Beispiel zwei Monate alleine in Australien mit dem Rucksack. Ich wusste also, dass es einiges im Voraus zu planen gibt. Doch dieses Mal musste ich mich um nichts kümmern, da mein Partner alles organisiert hat. Da ich dieses Jahr auf eine orale Therapie gewechselt habe, gab es für mich auch nichts in Bezug auf meine MS zu planen. Das war richtig toll. Ich musste keinen Medikamentenausweis mitnehmen, keine Spritzen, keine Alkoholtupfer. Dadurch musste ich auch nicht über meine MS sprechen - wenn ich das nicht möchte. Das war wunderbar für mich. Ich habe mich ganz normal und gesund gefühlt.

Welche Ängste oder Bedenken hattest Du in Bezug auf Deine MS?

Bei dieser Reise war ich das erste Mal durch eine Therapie geschützt, aber nicht beeinträchtigt. Zudem wusste ich, dass mein Freund sich um alles kümmern würde und das sehr zuverlässig. Daher konnte ich ganz frei von Ängsten auf diese Reise gehen.  

Wie hat sich die MS während Deiner Reise bemerkbar gemacht?

China ist nicht wirklich barrierefrei. Damit hatte ich schon zu kämpfen. Alles ist sehr groß und dementsprechend sind die Wege von A nach B sehr weit. Bei den ganzen Sehenswürdigkeiten kommt noch hinzu, dass die Wege oft über steile Brücken führen und es sehr viele Treppen zu steigen gibt, die keine einheitlichen Stufenhöhen haben. Teilweise musste ich mich wirklich an Geländern hochziehen. Ich habe dabei an die Zeit gedacht, in der ich bei weitem nicht so gut laufen konnte wie heute und ich auch einen Stock benötigte. Damals hätte ich das nie geschafft. 

Wie oft bist Du an Deine Grenzen gekommen?

Als wir im kaiserlichen Sommerpalast in Peking waren gab es sehr viele Brücken mit Treppen. Da ging es richtig steil hoch und ich musste mehrere Pausen machen. Irgendwann konnte ich nicht mehr. Sogar meinem Partner war es zu anstrengend und wir sind mit dem Boot weitergefahren. Weitere Momente dieser Art gab es glücklicherweise nicht.

Wie hat Dir China gefallen?

China hat mich sehr begeistert - Menschen und Land. Wir haben viele Ausflüge gemacht, zum Beispiel nach Nanjing, der ehemaligen Hauptstadt von China, sowie nach Shanghai. Wir haben uns Tempel angeschaut, waren in der verbotenen Stadt und im Sommerpalast. Es war ein richtiges Sightseeing-Programm und echt klasse. So habe ich mir auch meinen Traum erfüllt, nach 26 Jahren mit MS auf der chinesischen Mauer zu stehen und mich mit den Menschen in ihrer Landessprache unterhalten zu können. 

Was nimmst Du von der Reise für die Zukunft für Dich mit?

Ich denke, China ist ein Land, von dem wir viel lernen können. Ich war sehr beeindruckt von der Sicherheit und der neuen Sauberkeit; gleiches gilt für das Thema E-Mobilität. Jedes zweite Auto fährt mit Batterie oder mit Gas. Auch das bargeldlose Zahlen mit dem Handy fand ich super, da es vieles vereinfacht. Wenn meine Tochter irgendwann den Wunsch hätte, im Ausland zu studieren, würde ich ihr raten, es in China zu machen.  

Welches Land möchtest Du als nächstes besuchen und warum?

Wir fliegen über Silvester in die Türkei. Mein Partner möchte gern ins Warme. Die nächste größere Reise geht dann aber wieder nach China in den Pfingstferien. Und da möchte ich gerne meine kleine Tochter mitnehmen.

Was würdest Du anderen MS-Patienten in Bezug auf Fernreisen raten?

Man sollte sich auf jeden Fall darüber informieren, wie gut man zu Fuß sein muss. Dann kann man besser abschätzen, ob man mit Bus, U-Bahn oder Zug fährt, gegebenenfalls ein Taxi braucht beziehungsweise jemanden, der einen fährt. Außerdem ist es wichtig, sich kleine Ziele zu setzen, viel Zeit einzuplanen und längere Ruhepausen zu machen. Man sollte sich die Tage nicht zu vollpacken. Natürlich kann es nicht schaden, ein paar wichtige Vokabeln der Landessprache zu beherrschen.